Donnerstag, 11. Mai 2017

They shoot horses, don't they?

They shoot horses don't they? ist ein schönes und fast vergessenes Lied von den Racing Cars aus den späten 1970ern, und es gibt auch einen Film mit diesem Titel. Eigentlich ist es aber eine englische Redewendung, die besagt, dass man Pferde, die sich die Beine gebrochen haben, durch einen Gnadenschuss erlösen sollte.

Zum Thema: Klett hat mir heute wieder einmal einen Link geschickt, bei dem man ein kostenloses Arbeitsblatt herunterladen kann. Normalerweise lösche ich das Zeug ungelesen, aber heute wollte ich mal nachsehen, was die sich so ausdenken. Es geht, wie ich festgestellt habe, um eine Aufgabe aus der Lebenswelt der Schüler, nämlich den Fußballplatz. Schon der erste Satz ist vom Feinsten:

     Ein Sportplatz liegt in der positiven x1x2-Ebene.

Das hilft jedem weiter, der weiß, was eine positive x1x2-Ebene ist. Ich kann mir denken, was in den Köpfen der Aufgabensteller vorgegangen ist, wage aber dennoch zu fragen, was denn dann eine negative Ebene ist.

Dann folgt der übliche Schmuh mit punktförmigen Fußbällen auf Parabelbahnen. Ich kann den Scheiß nicht mehr hören. Echt. Aber dann geht es so weiter:

     Ein Fußballtor hat eine Höhe von 2,44 Metern und eine Breite von 7,32 
     Metern. Die Sonne steht im Punkt S (28 | ‒ 15 | 10) hinter dem Torwart. 

Die Einheiten sind in Meter angegeben. Die Sonne steht also keine 40 Meter hinter dem Torwart in der Luft. Heiß. Wie krank muss ein Hirn sein, das sich so etwas ausdenkt? Wie bescheuert muss der Klett-Verlag sein, wenn er mit solchen Aufgaben für seine Bücher wirbt? Ich weiß die Antwort nicht.

     Das Sonnenlicht kann als konzentrisch angenommen werden.

Oh ja. Das Sonnenlicht kann als konzentrisch angenommen werden. Ich gebe zu, dass ich etwas gebraucht habe, bis ich verstanden habe, was damit gemeint ist. Damit ist gemeint, dass die Sonne, wie der Fußball, punktförmig sein soll. Nur hat das nichts mit konzentrisch zu tun. Zwei Kreise sind konzentrisch, wenn sie denselben Mittelpunkt haben, aber Sonnenlicht ist kein Kreis. Die Aufgabensteller haben also inzwischen so wenig Ahnung von Geometrie, dass sie nicht mehr wissen, was konzentrisch bedeutet, schrecken aber gleichzeitig nicht davor zurück, Wörter zu benutzen, deren Bedeutung sie nicht kennen. Die wissen nicht einmal, dass sie nichts wissen. Es ist einfach nur schrecklich.

Natürlich muss man jetzt den Schatten des Tors ausrechnen (ohne die zusätzliche Angabe, dass die Latten keine Ausdehnung besitzen, also Strecken sind). Das, so das Arbeitsblatt, ist eine Aufgabe auf unterstem (man sagt: einfachstem) Niveau. Darauf folgt eine Aufgabe auf mittlerem Niveau:

      Berechnen Sie mithilfe der Vektorrechnung den Flächeninhalt des Tores.

Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich. Tatsächlich entblöden sich die Hanswurste (und Hanswurstinnen, vermute ich) von Klett nicht, den Flächeninhalt eines Rechtecks mit Hilfe des Kreuzprodukts auszurechnen.

Die Leitidee Daten und Zufall darf natürlich auch nicht fehlen:

       Bei einem Torwarttraining schießt er 100 Bälle von seinem Fünfmeterraum 
       in Richtung Mittelkreis. Es wird unterstellt, dass es sich dabei um ein 
       Bernoulli-Experiment handelt.

So stelle ich mir ein Torwarttraining vor. Als Bernoulli-Experiment. 100 mal schießen, ohne dass man sich verbessert. Da fragt man sich, wer hier am meisten Zeit totschlägt: Der Torwart, dem sein Training aber auch gar nichts nutzt, die Aufgabensteller, die allem Anschein nach nicht ganz bei Trost sind, oder Schüler, die solche Aufgaben rechnen. Freiwillig. Als Training.

       Berechnen Sie den Erwartungswert und die Standardabweichung dieses 
       Experiments.

Es wird nicht besser. Eine Zufallsvariable hat einen Erwartungswert, ein Zufallsexperiment dagegen nicht. Daten und Zufall können sie also auch nicht.

Es ist zum Heulen. Wer in den 1970ern aus den Lambacher-Schweizer-Büchern Mathematik gelernt hat, kann so einen Bockmist nicht ertragen. Es ist Zeit für den Gnadenschuss.

Kommentare:

  1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  2. Ich kann Ihnen nur zustimmen! Ein Blick in die neueste Auflage des "Lambacher Schweizer" (NRW), in der nun endgültig Grund- und Leistungskurs zusammengedampft wurden -- gekennzeichnet durch schicke gelbe Kästchen neben den entsprechenden Inhalten, wobei der LK-Anteil des Buches sehr gering ist -- löst, wahrscheinlich abwechselnd, Wut und Trauer aus. Wut, weil man sich fragt, wer so etwas verantworten kann und sich erdreistet, den interessierten Schülern Mathematik madig zu machen und Trauer darüber, was seit 1946 mit diesem Lehrbuch, stellvertretend für das Curriculum, geschehen ist.
    Meine persönlichen Highlights:
    1. Viele schicke Bildchen zu fast jeder Aufgabe, meistens völlig überflüssig und wenig hilfreich. Aber das Printdesign muss ja frisch, modern und ansprechend sein. Viele bunte Bildchen sollen scheinbar den Stoff neu aufbereiten. Wie das gehen soll? Ein Beispiel: "Anwendungsaufgabe" im Sachkontext im Bereich der Analysis, das "Wachstum" eines Lavendelstrauches wird durch eine Exponentialfunktion höchst realistisch modelliert. Weil man den Alltagsbezug nicht verlieren möchte, druckt man kurzerhand das Photo eines Lavendelstrauches völlig sinnfrei neben die Aufgabe; als sei es relevant, wie der Strauch aussehe oder als sei es so, dass Schüler nicht wüssten, wie der Strauch aussehe.
    Dadurch, dass man sich mit solchen Dingen beschäftigt, fällt der Fehler, dass mit "Wachstum" ja eigentlich die Ableitung der Funktion, die die Höhe des Strauches angibt, gemeint ist, nicht auf. Die Aufgabe ist durch diesen Fehler aber nicht sinnvoll lösbar.
    2. Die Aufgaben sind so einfach, dass der LK sich eigentlich permanent langweilen müsste. Dem soll durch Aufgaben im Bereich "Erforschen und Vernetzen" abgeholfen werden. Was die Schüler aber dort bekommen, ist häufig noch mehr Anwendung, die einfach zu durchschauen ist. Manchmal erblickt man noch kleinere "Beweisaufgaben", die man wahrscheinlich bei der nächsten Redaktion noch aus dem Lehrwerk tilgen wird.
    3. Zahlreiche Druckfehler (auch in den Lösungen) runden den ganzen Eindruck natürlich ab.
    4. Bewerten und Beurteilen, das sind die Kompetenzen, die den Didaktiker zum Höhepunkt treiben, Anforderungsbereich III! "Beurteilen Sie, inwiefern die Rahmenbedingungen realistisch sind." Letztlich soll man also die Aufgaben kritisieren, die als lebensnah und inspirierend für den Mathematikunterricht gepriesen wurden -- Schizophrenie?

    Sic transit gloria mundi!

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